Ein eigenes Zimmer ist noch zu wenig

Ein eigenes Zimmer ist noch zu wenig

Mein Arbeitszimmer dient mir oft als Refugium – ein Raum, in dem sich meine Fantasie entfalten kann, in dem meine Ideen Gestalt annehmen und ich neue Impulse für meine Arbeit gewinne.

Als ich kürzlich im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung The F* Word – Guerilla Girls und feministisches Grafikdesign des New Yorker Künstlerkollektivs Guerilla Girls besucht habe, wurde mir wieder einmal bewusst, dass ein solcher Raum für viele Frauen im Kunstbetrieb noch unerreichbar ist. Und das mag auch einer der Gründe sein, warum die Arbeit von Künstlerinnen so unterrepräsentiert sind. Bereits das Plakat an der Vorderseite des Museums zeigt hier beispielsweise, dass nur 1,5 % der Werke in der Grafiksammlung von Künstlerinnen stammen.

 

Arbeitsplatz Simone Menne
Fotografie © Simone Menne

Kunst ist ein exklusiver Club

Die Ausstellung enthüllt den engen Rahmen, der Frauen und anderen marginalisierten Gruppen in der Kunst eingeräumt wird. Das Hamburger Museum ist kein Einzelfall; noch 2012 waren nur fünf bis zehn Prozent der ausgestellten Kunstschaffenden in amerikanischen und europäischen Spitzenmuseen Frauen.

Damit steht die Kunstwelt in Sachen Parität noch schlechter da als die Wirtschaft, auch wenn das Bild in den Vorstandsetagen vieler Unternehmen ähnlich homogen und keineswegs geschlechterdivers aussieht. In Deutschland beträgt der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Jahr 2023 knapp dreißig Prozent, was unter dem EU-Durchschnitt liegt.

Banner der Guerrilla Girls
Fotografie © Simone Menne, © Guerrilla Girls, courtesy guerrillagirls.com

Die Autonomie des eigenen Zimmers…

Nach dem Besuch der Ausstellung kam mir Virginia Woolfs Essay „Ein Zimmer für sich allein“ von 1921 in den Sinn. Woolf argumentiert, dass die Meinung über Frauen im Literaturbetrieb in hundert Jahren ganz anders aussehen werde, sofern Frauen über finanzielle Unabhängigkeit und
eigene Ressourcen verfügen würden: „Eine Frau braucht Geld und ein Zimmer für sich allein“[1], so Woolf, um erfolgreich sein zu können.
Hundert Jahre sind längst vorbei und bis man in Paris 2021 mit Laurence des Cars eine Direktorin in den Louvre berufen hat, suchte man lange vergeblich nach einer Frau an der Spitze der drei meistbesuchten Museen der Welt (British Museum, Louvre und das Metropolitan Museum of Art).

…und die Möglichkeit des gemeinsamen Raums

Was können wir also tun, um Parität zu erreichen? Wir müssen das Geschlechterverhältnis in den Museen kritisch reflektieren, so wie es derzeit in Hamburg geschieht.

Jenseits des Kunstbetriebs sind die politisch Verantwortlichen bereits in der Vergangenheit zu verpflichtenden Maßnahmen aufgefordert worden – Stichwort Quote – und das mit Erfolg: Laut einer aktuellen Studie der Universität Tübingen steigert beispielsweise eine höhere Anzahl von Frauen in Aufsichtsräten die Profitabilität des Unternehmens.

Eine weitere Möglichkeit könnte sein das eigene Zimmer zu öffnen und gemeinsame Räume zu schaffen. Woolfs Essay mahnt, dass Frauen nicht nur einen Arbeitsplatz (oder vielmehr Platz in der Arbeit) brauchen, sondern auch Zugang zum gesellschaftlichen Diskurs einfordern müssen, wollen sie ihr kreatives Potenzial voll ausnutzen. Mit meiner Galerie, die Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt willkommen heißt, hoffe ich, einen solchen gemeinsamen Raum geschaffen zu haben, in dem wir uns künstlerisch auf Augenhöhe begegnen. „Meisterwerke sind keine isolierten und einsamen Geburten; sie sind das Ergebnis jahrelanger gemeinsamer Überlegungen“, schrieb Virginia Woolf. In dieser Erkenntnis kann die Kraft zur Veränderung liegen.

 
Literaturhinweis

[1] Woolf, Virginia: Ein Zimmer für sich allein, Reclam, Dietzingen, 2012.

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